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Breath

Wut machte sich in ihr breit. Wut gespickt mit Enttäuschung, mit Frust. Kurzzeitig hatte sie sich der Illusion hingeben können, dass alles, was sie fühlte, ausschließlich brennender Zorn sei, doch leider war es nicht so einfach. Nein, unterschwellig schwang eine tiefe Traurigkeit mit, die sie am liebsten verdrängt hätte. Doch erst einmal wahrgenommen, ließ diese sich nicht ohne Weiteres wieder verbannen. Wie hatte er sich ihr gegenüber nur so verhalten können? Sicherlich, sie wusste, dass die Situation für ihn alles andere als leicht war und dass er schwer damit zu kämpfen hatte. Und sie wusste auch, dass er unglaublich angespannt war und Angst vor der Zukunft hatte. Aber verdammt, es ging ihr doch ebenso! Sie wusste eben so wenig, wie es weitergehen, geschweige denn, wie sie all dem, was zur Zeit anstand, gerecht werden sollte. Nichtsdestotrotz hatte sie sich bemühen wollen, ihm zur Hand zu gehen, um die Fristen einzuhalten. Und als Dank dafür hatte er nichts Besseres zu tun, als ihr mit erhobener Stimme Vorwürfe entgegenzuschleudern; dass sie ihm nicht helfe, dass sie sich nur um sich selbst kümmere, dass er völlig alleine dastünde. Natürlich hatte sich daraus ein handfester Streit entwickelt, an dessen Ende er ihr verdeutlicht hatte, sie solle doch am besten gehen, denn auf sie könne er sich sowieso nicht verlassen. Wie konnte er nur solch etwas sagen? Sie hatte die ganze Zeit hinter ihm gestanden und sich nach ihren Möglichkeiten um sein Elend gekümmert. Sie hatte ihn eben nicht einfach zurück- und sich selbst überlassen. Aber auch sie musste zusehen, dass sie nicht selbst unterging. Auch sie hatte wichtige Aufgaben, die keinen Aufschub zuließen. Auch sie musste es ertragen, dass an allen Enden an ihr gezerrt wurde. Wie konnte er das nicht sehen? Eigentlich war ihr Verhältnis doch so gut, seit seine Frau gegangen war. War es ihre Schuld, dass diese sie beide nicht in Ruhe ließ und Psychoterror auf sie ausübte, so viel sie nur konnte? Der Druck, welcher auf diese Art und Weise entstand, drohte sie beide zu zerbrechen, doch bisher hatten sie immer noch einander gehabt, um sich aneinander festzuhalten. Ja, sie wusste, dieser Streit bedeutete nicht das Ende ihrer Welt. Dennoch hatten sie seine Worte mitten ins Herz getroffen. Kurzzeitig hatte sie überlegt, wirklich zu gehen, doch wohin? Ihre Freunde wollte sie damit nicht belasten, denn noch immer hatte sie es nicht gelernt, für sich selbst einzustehen. Und an verfügbarer Familie stand nur er ihr zur Verfügung. Außerdem hatte sie diese wichtigen Aufgaben, welche nur im Haus erledigt werden konnten. Also was blieb ihr anderes übrig, als trotz seiner Worte zu bleiben? Alles in ihr sträubte sich dagegen, an den weiteren Verlauf des Tages und erst Recht an ihn zu denken, doch sie wusste, sie würde sich damit auseinandersetzen müssen. Heute noch. Nur vielleicht nicht sofort. Eher später. Energisch schüttelte sie den Kopf, um ihn wieder frei von all diesen Gedanken zu bekommen. Sie setzte ihre Kopfhörer auf, öffnete das Fenster und entzündete eine Zigarette. Sie atmete durch.

28.5.16 18:54
 
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